The Power of Repetition

…oder warum 6 x 10min > 60min sind!

Bestimmt kennst du das Problem: Du willst besser am Klavier werden und nicht immer nur das Gleiche spielen, aber dein Tag ist mit 24h einfach zu kurz? Dann packt dich ab und zu der Ehrgeiz und du verbringst mal wieder eine Stunde (oder länger?) am Piano, hast Spaß, entdeckst etwas Neues und nimmst dir dieses Mal wirklich vor, dass bis zur nächsten Übe-Session nicht wieder zu viel Zeit verstreicht? Und wenn dann ein paar Wochen ins Land gegangen sind, ist es leider schon wieder dahin mit dem gefühlten Fortschritt vom letzten Mal…

Dieses Phänomen kennt wohl jeder von uns in unterschiedlichsten Lebensbereichen. Leider kann ich deinen Tag nicht verlängern, aber ich habe heute einen Trick für dich, wie du diesem Problem Herr werden kannst:

Unser Hauptproblem beim Poppiano spielen ist ja wie gesagt, dass wir alle immer gern das Gleiche spielen – nämlich das, was wir sowieso schon können! Sich etwas Neues anzueignen scheint zu mühevoll, langwierig und kompliziert. Und traurig, aber wahr: Du wirst es tatsächlich nicht schaffen, wenn du nur 1x pro Woche oder seltener am Klavier sitzt. Weil selbst wenn du dabei etwas cooles Neues entdeckst und übst, ist es nach einiger Zeit auch schon vergessen und du steckst wieder in deiner alten Routine fest. Oder du brauchst die nächste Stunde nur dafür, um das Alte zu wiederholen – und das ist genau die Zeit, in der sich die Hauptmotivation schon wieder langsam verabschiedet.

Wie dem auch sei – hier kommt eine interessante Gleichung ins Spiel: 6 x 10min > 60min

Mathematisch eindeutig eine Falschaussage, aber am Klavier macht sie Sinn! Ich erkläre sie dir:

Wenn du es schaffst, jeden Tag 10min Klavier zu spielen, hast du zwar nach einer Woche auch „nur“ eine Stunde geübt – einen Tag darfst du Pause machen ;) – wirst aber deutlich weiter kommen! Warum? Weil der Clou in der täglichen Wiederholung steckt! Fakt ist: Um etwas Neues zu lernen, braucht der Mensch regelmäßige Wiederholung. Du hast Laufen bestimmt nicht an einem Tag gelernt, geschweige denn Reden, Lesen, Schreiben etc.! Aber durch viele kurze Wiederholungen und dem hartnäckigen Willen, es durchzuziehen, können wir alle mittlerweile reden, lesen und schreiben.

Wie wäre es also mit folgendem Experiment: Du nimmst dir EIN Video vor und suchst dir davon irgendeine Sache heraus, die du bisher noch nicht konntest. Die übst du dann mal 2 Wochen lang jeden Tag 10min und berichtest mir dann, wie weit du gekommen bist! Der neue Akkord, Groove, das neue Lick etc. soll ja letztlich wie Grundwissen für dich werden, das du in verschiedensten Situationen ohne Nachdenken anwenden kannst. Nur dann bist du wirklich weiter gekommen und hast deine Komfortzone durchbrochen – nämlich die Angewohnheit, immer in gleichen Mustern festzustecken.

Jetzt sagst du, du hast keine 10min Zeit pro Tag? Sei es Stress auf der Arbeit, Klausurenzeit oder einer dieser Tage, die gefühlt nicht so lang sind wie die To-Do-Liste… Dann habe ich noch einen Trick für dich: Wie wäre es, diese 10min auf 3x 3-4min aufzuteilen? Also gerade mal so lange wie Zähneputzen! Das machen wir ja auch (hoffentlich!), ohne uns über den Zeitaufwand Gedanken zu machen.

Du könntest z.B. morgens zwischen Duschen und Frühstück kurz am Piano vorbei gehen und die vorgenommene neue Sache ein paar Mal spielen. Das Gleiche machst du dann abends nach dem Abendessen und vor dem ins Bett gehen noch einmal. Und schon hast du dein tägliches zehnminütiges Tagespensum erreicht! Durch die ständige kurze Wiederholung wird es dir bald in Fleisch und Blut übergehen und du wirst sehen: In ein paar Wochen bist du tatsächlich weiter gekommen. Und das bei insgesamt gleichem zeitlichen Aufwand wie einmal pro Woche eine Stunde zu üben!

Ich persönlich habe oft die Erfahrung gemacht, dass ich mit kurzem aber fokussiertem zeitlichen Commitment deutlich weiter komme, als mich ständig wieder neu in eine Sache einzuarbeiten. Und vielleicht werden aus den 10min am Tag auch 20 oder mehr?! Ich würde sagen, da gäbe es schlimmeres ;)

In diesem Sinne: Probier`s aus! Ich freue mich, von deinen Erfahrungen zu hören! Und das meine ich tatsächlich ernst. Kommentare bzw. Email-Antworten sind ausdrücklich erwünscht ;)

Dein Manu

2 Kommentare
  1. Iiflaet says:

    6 x 10min > 60min

    Die Überschrift des Artikels ist in der Tat ein Eyecatcher.
    Dass zwischen der ein oder anderen Übe-Session mehr Zeit verstreichen kann als gut ist tut um so mehr weh, je entschlossener man sich das Gegenteil vorgenommen hat und auch wenn Termine in den Vorsatz grätschen, die aufgrund freiwilliger Verpflichtung und schwererer Gewichtung Vorrangstatus haben. Gelegentlich weht mir die Frage durch den Sinn, ob es sich lohnt Einsiedler zu werden um all das umsetzen zu können, was persönlich wichtig erscheint, besonders wenn eh nur Basics im Spiel sind wie etwa Beruf, Ehe und Gemeinde, d.h. ohne Fernseh, Fitnessstudio, Faulenzen, umfangreiches Kochen, unnötiges Telefonieren und zielloser Internetkonsum. Dass sich unterm Strich auch viele kurze unbedachte Nebensächlichkeiten zu einer beachtlichen Summe verschwendeter Zeit aufsummieren wird in diesem Artikel zutreffend aufgedeckt. Hier ist vielleicht doch noch ein Zeit-Schatz zu heben, besonders wenn man sich selbst mal bewusst bei dem Umgang mit der verfügbaren Zeit beobachtet. Dabei wird so mancher innerer Zeitverschwender-Schweinehund angetroffen, der mitunter nur schwer erlegbar ist.

    Ermunternd zu lesen ist in der Tat der Umstand, dass nicht etwa Bekanntes zu wiederholen das eigentliche Üben ist, das mag allenfalls dem Aufwärmen dienen, sondern das gelegentlich mühsame Reindenken, konsequentes eintrainieren, aufdröseln und auseinanderfrickeln kniffliger Passagen das sind, worauf es ankommt. Und auch hierbei muss man sich fortwährend fragen, was an welcher Stelle warum problematisch ist um überlegt die Stolperfalle offen zu legen. Möglicherweise wird die eine Taste häufiger falsch erwischt, weil der Daumenuntersatz an eben der Stelle nicht konzentriert vollzogen wird, man gar nicht bewusst fühlt, wie weit oder wie eng richtig ist, um den immer zutreffend auszuführen. Vllt. klingt die Tonfolge nicht akkurat, weil bei kritischem Hinhören und vor allem fühlen klar wird, dass die Tasten zeitlich nicht gleichmäßig gespielt werden, nicht bewusst gefühlt wird, wie tief die einzelnen Tasten eintauchen müssen, um die gewünschte Gleichmäßigkeit des Anschlags zu erreichen oder die angepeilte Artikulation umzusetzen. Das kann in der Tat anstrengend und wenig einladend sein. Sich zu vergegenwärtigen, dass genau hierbei am persönlichen Fortschritt gefeilt wird kann die Motivation wieder heben. Und die aufgezeigte Zerlegung der Übe-Session in kleinere Zeiteinheiten kann hierbei bestimmt eine gute Hilfe sein.

    Allerdings erscheint mir schwer vorstellbar, dass die Summe von einer Stunde Wochentraining am Klavier zu nennenswerten Fortschritten führt, wobei man sich dann den siebten Übungstag wenigsten wohl auch noch gönnen müsste. Das aber wahrscheinlich auch nur, um die nagenden Gewissensbisse einzuhegen.

    Die Skizzierung des überlegten und präzisierten Übevorgangs finde ich sehr gut, weil es ein fokussiertes Training ist und am Ende höchstwahrscheinlich das gesetzte Lernziel erreicht sein wird. Positiv ist auch die Möglichkeit so den Lernerfolg für sich selber dokumentierbar zu machen. Auch wenn es nur langsm vorwärts gehen dürfte, würde man sehen, dass sich Fortschritt einstellt. Und nichts ist motivierender, als eben diesen bei sich beobachten zu können.

    Die Grundidee finde klasse, aber wie schon gesagt kann ich mir nur schwer vorstellen, dass eine Wochenstunde viel einbringt. Wenn allerdings durch diesen ersten Schritt die Motivation aufgrund der beobachtbaren Erfolge stärker wird als der innere Schweinehund, wird ein erfolgreiches Freikämpfen von einer Dreiviertelstunde oder anderthalb Stunden pro Tag Trainingszeit in greifbare Nähe rücken. Vielleicht auch durch eine neue Priorisierung von Interessen und Engagements.

    Über Trainingsgestaltung und Motivation haben sich schon viele Gedanken gemacht und einiges geschrieben. Dass dieses Thema auch hier aufgegriffen wird finde ich prima, da es ja nun in den meisten Fällen relevant sein dürfte und aufbauende Gedanken dazu eine echte Hilfe sind, um das Klavierspielen nicht grundsätzlich an den Nagel zu hängen. Weitere Artikel diesbezüglich würden viele Leser sicher dankbar annehmen, gerade weil sich Online-Lerner vermutlich eher ohne persönlichem Lehrer und Ratgeber in die großartige und lohnenswerte Klavierspielkunst reinarbeiten, reinringen und sicher auch durchbeißen. Ein paar Artikel hatte ich wohl schon gesehen aber noch nicht gelesen.

    Viele Grüße
    manuel

    • Manuel Weber says:

      Hallo Namensvetter, danke für deinen ausführlichen Kommentar – der ist ja fast länger als mein Blog ;). Freut mich, wenn er dir weitergeholfen hat. Du hast natürlich recht, 10min am Tag u 60min in der Woche ist jetzt bei weitem noch kein Übepensum, mit dem man Höhenflüge anstreben wird, aber mir gehts hierbei eher um die Sache des konkreten Übens und täglichen Wiederholens. Und wer da dran bleibt, wird vermutlich von alleine seine Übezeit steigern. Von daher gilt: Just do it!

Dein Kommentar

Du willst mitdiskutieren?
Wir freuen uns auf deine Meinung!

Schreibe einen Kommentar