Songanalyse: Ed Sheeran – Perfect

Es ist mal wieder Zeit für eine Songanalyse. Diesmal ein Song eines außergewöhnlichen Künstlers, der derzeit weltweit die höchsten Chartpositionen erreicht: „Perfect“ von Ed Sheeran aus seinem letztjährigen 3. Soloalbum „Divide“.

Wenn du lernen willst, wie du den Song am besten am Piano spielen kannst, habe ich hier das passende Tutorial für dich.

Laut eigener Aussage wollte er damit seinen bisherigen Top-Lovesong „Thinking out loud“ übertrumpfen. Ob ihm das gelungen ist, bleibt letztlich wohl immer persönliche Geschmacksache.

„Perfect“ ist in As-Dur geschrieben – einer sehr „warm“ klingenden Tonart. Jede Tonart hat nämlich eine gewisse Charakteristik und so würde der Song in C-Dur wohl weitaus weniger interessant klingen!

Dazu gleich ein Praxisbezug für dich: Probiere mal aus, einen dir bekannten Song in einer anderen Tonart zu spielen, und achte darauf, wie es sich anfühlt. Wenn du noch nicht so geübt im Transponieren bist, kannst du auch mit der Transpose-Taste eines Digitalpianos „schummeln“. Ich habe jedenfalls immer wieder bei transponierten Versionen von Songs das Gefühl, dass es irgendwie anders klingt und nicht mehr unbedingt das Originalgefühl des Songs trifft.

 

Schnapp´ dir am besten einen guten Kopfhörer, höre dir den Song einmal komplett an (z.B. auf Youtube, Spotify Player oder Spotify Web) und gehe dann mit mir auf Entdeckungsreise, spule fleißig hin und her und achte auf all die spannenden Details.

Aber erst noch mal zurück zum Gesamtüberblick: „Perfect“ steht im 12/8-Takt und besteht aus folgender Songstruktur: Vers 1 – Chorus – Interlude – Vers 2 – Chorus – Interlude – Chorus – Outro. Das Intro besteht lediglich aus einem eintaktig ausgehaltenen Ab-Powerchord mit angezerrtem Hammond B3-Orgelsound und leichtem Schallplattenknistern für den analogen Vibe. Powerchord bedeutet, dass lediglich Grundton und Quinte (also as & es) gespielt werden und auf die Terz, die ja über Dur / Moll eines Akkordes entscheidet, verzichtet wird.

1. Detail: Dieser Orgelsound, der am Anfang und im 1. Vers so gut zu hören ist, zieht sich durch den ganzen Song. Er fehlt lediglich in den Breaks, in denen sämtliche Instrumente kurz „atmen“. Außerdem ist er immer in der gleichen engen Lage und hat je nach Akkordwechsel nur minimale Tonveränderungen. Die Orgel fungiert also wie eine Art „Kleber“, die im Hintergrund alle anderen Instrumente im Arrangement zusammenhält und sich leise und zurückhaltend hindurchzieht. Spätestens im Chorus ab 1:04 ist sie durch den Einsatz der Streicher zwar schwerer zu hören, aber nach wie vor vorhanden.

Mach mal das Experiment und höre dir die ganze Nummer nur unter diesem einen Gesichtspunkt an: Kannst du der Orgel immer folgen? Das wird dein Gehör für selektives Hören schulen!

 

Schauen wir uns jetzt mal den Aufbau des restlichen Arrangements an: Die von Ed gespielte E-Gitarre spielt sämtliche 12 Achtel des Taktes aus und trägt damit von Beginn an den Rhythmus. Achte mal auf seine Phrasierung: Er betont immer die Erste von 3 Achteln. Den gesamten Akkordverlauf kannst du hier auf dem Leadsheet nachverfolgen.

Nach den ersten 8 Takten des Verses kommt im 2. Teil (ab 0:33) der Bass mit überwiegend lang gespielten Noten dazu. Diese wechseln sich häufig auf der 6. bzw. 12. Achtel mit einer oder auch mal mehreren kurzen Noten ab – eine typische 12/8-Begleitfigur. Außerdem wird der Backbeat ab jetzt durch ein dumpf klingendes Drumsample unterstützt. Backbeat bedeutet ja die Betonung auf die Zählzeiten 2 & 4 im 4/4-Takt; im 12/8-Takt wären das die 4. sowie die 10. Achtel. Hörst du übrigens noch das Plattenknistern?

Nach dem 2. Break beginnt der Chorus und es ist immer noch kein Schlagzeug zu hören – ungewöhnlich. Dafür setzen als Steigerung jetzt Streicher und Background-Vocals ein und geben dem Track damit die gewisse Portion Weite. Interessant dabei die abwechselnden Funktionen der beiden Elemente: Im 1. Teil des Choruses erklingen lange gehaltene Liegetöne (die eben beschriebene Weite) sowie „Uh“-Chöre, die sich langsam in Höhe und Intensität steigern. Ab 1:27 „breath, but you heard it…“ singen die Background-Vocals mehrstimmig den Text mit und das Orchester zupft die Akkorde. Achte hier mal genau darauf, wie sie diese spielen: Auf die 1 kommt der gezupfte Basston, auf die 4. Achtel (Backbeat) der ein bisschen höher gespielte Akkord. Das gleiche Prinzip wiederholt sich dann noch 2x, bis Ed auf „perfect tonight“ den Chorus alleine abrundet. Diese kleinen Details sind es, die Songs über die gesamte Spieldauer für den Zuhörer interessant halten – ob bewusst oder unbewusst!

Wenn wir schon bei den Feinheiten und Veränderungen sind: Höre mal auf die verschiedenen Breaks in den Versen. So kommen im 1. Vers noch 2 Breaks vor (8. bzw. 16 Takt) – in Vers 2 nur noch einer im letzten Takt. Außerdem spielt Ed beim 1. Mal (1:01) auf der Gitarre Es Es sus4 Es – beim 2. Mal (2:39) Es sus4 Es Es. Kleine, aber nicht unwichtige Details.

Auch spannend: das Orchester bei 2:11. Da kommt auf einmal ganz kurz ein doch recht dissonant klingender Akkord auf, der sich aber sofort wieder in Wohlgefallen auflöst. Beim 1. Hören habe ich  kurz zurückgespult und mich gefragt, ob sich hier irgendwer verspielt hat ;) – so unerwartet kam dieser Akkord. Also auch wieder ein Element zur Spannungssteigerung!

 

Überhaupt finde ich es sehr interessant nur mal dem Streicherarrangement zu folgen: Zu Beginn (1:01) wie oben schon erwähnt lang gehaltene Noten und die danach kurze Pizzicatostelle (pizzicato = gezupft). Dann das Interlude, bei dem das Orchester die Melodie übernimmt. Ab Vers 2 kommen schöne Gegenmelodien dazu, die die Vocals ergänzen, ihnen aber nie im Weg stehen. Diese steigern sich über den Verlauf des Verses hin und wandern langsam in immer höhere Lagen. Insgesamt bringen die Streicher die nötige Portion Romantik in den Song, ohne aber in klischeebehafteten Kitsch abzudriften.

Für uns als Pianisten müssen wir natürlich endlich mal zur spannenden Frage kommen, welche Aufgabe denn das Klavier in „Perfect“ übernimmt. Erstmal gar keine – zumindest für die ersten 2 Minuten. Dann ab 2:12 (2. Teil von Vers 2) kannst du hoch gespielte Akkorde als kurze Achtel wahrnehmen. Allerdings musst du genau hinhören, da das Arrangement an dieser Stelle bereits recht dicht ist und das Piano dadurch nicht so sehr auffällt. Dann wirst du auch merken, dass der Pianist nicht alle 12 Achtel des Taktes ausspielt, sondern immer wieder mal die 1. bzw. die 7. Achtel auslässt.

Als Keyboarder könntest du also das Stück wunderbar umsetzen, indem deine linke Hand die durchgehend gehaltenen Orgeltöne spielt und die rechte dann die Akkordachtel mit Klaviersound übernimmt. Dazu kannst du dir entweder deine Tastatur splitten, so dass du unten Orgel und oben Klavier hast, oder du nutzt (wie viele Bandkeyboarder) sowieso mehrere Tastaturen, auf denen du bequem die verschiedenen Sounds aufteilst. Das ist übrigens eine Standardaufgabe des Keyboarders: Welche Sounds kommen im Song vor und wie kann ich sie mir aufs Keyboard bzw. meine Hände verteilen? Damit kommt man bisweilen auch auf herausfordernde Unabhängigkeitsübungen, wenn z.B. die linke Hand auf einmal einen speziellen Piano-Groove spielen muss und die rechte Hand für Bläsereinwürfe zuständig ist. Aber an Herausforderungen wächst man ja bekanntlich ;).

 

Zurück zu „Perfect“: Die Drums kommen schließlich in Vers 2 (ab 1:42) mit einer minimalistischen Begleitung hinzu, die ab dem 2. Teil des Verses (2:12) zu einem vollen Beat erweitert wird und als solche den restlichen Song hindurch läuft.

Und hast du zwischenzeitlich mal wieder auf die E-Gitarre gehört? Die hatte ja zu Beginn noch das tragende rhythmische Gerüst mit durchgehenden Achtelakkorden inne, welches sie aber ab 2:12 an das Piano abgibt. Ab dann lässt sie sich erstmal nur erahnen. Spielt sie Akkorde auf den Backbeat? Ich kann es nicht genau sagen. Aber ab dem 2. Chorus (2:43) ist sie auf jeden Fall klar und deutlich auf die Achtel-Zählzeiten 4 und 10 zu hören.

Wie mit der berühmten Zwiebel könnte man jetzt noch Schicht für Schicht weiter schälen und immer noch weitere interessante Details finden. Mir ging es zumindest beim Schreiben dieses Blogs so, dass mir bei jedem erneuten Hören weitere raffinierte Kleinigkeiten aufgefallen sind. Ein letztes Beispiel dafür: Der kurze Einsatz einer gezupften Akustikgitarre im Interlude bei 1:35. Sie taucht kurz als Element auf und verschwindet ebenso schnell wieder.

Welche spannenden Sachen fallen dir noch auf?

Poste sie doch als Kommentar unter diesen Blogeintrag!

Wenn du jetzt Lust bekommen hast, “Perfect” selbst zu spielen – hier nochmal mein Tutorial dazu.

Und so bleibt letztlich Ed Sheeran nur zu wünschen, dass er mit der in dem Song Angebeteten tatsächlich sein privates Glück findet, wenn er für sie schon so ein spannend arrangiertes Stück komponiert hat.

Songanalyse: Michael Jackson „Man in the Mirror“

Im heutigen Blog möchte ich mir mit dir zusammen mal einen Song ganz genau anhören. Du kannst nämlich total viel zu den Themen Poppianospiel, Songaufbau, Arrangement, Bandzusammenspiel und ganz allgemeines Musikverständnis lernen, wenn du einen Song genau analysierst!

Ich habe irgendwo mal den Spruch gehört: „Es ist besser, einen Song 10 Stunden lang zu hören als 10 Songs eine Stunde lang“. Und das ist in der heutigen Zeit, in der wir mit Spotify & Co. quasi Direktzugriff auf Millionen von Titeln haben, gar nicht mal so einfach. Ich merke oft selbst, wie ich  Songs kurz „checke“, aber mir gar nicht die Mühe mache, sie genauer zu untersuchen, richtig kennenzulernen und sie wie eine Zwiebel Schicht für Schicht zu schälen. Warum? Weil da schon wieder zig andere darauf Songs warten, angehört zu werden. Aber immer wenn ich dann doch mal so richtig in einen Song eintauche, habe ich danach das Gefühl, ihn wirklich zu kennen, mit ihm etwas zu verbinden, ja vielleicht sogar meine eigene Geschichte mit ihm zu haben. Und so möchte ich dich heute mit hinein nehmen in einen meiner Lieblingssongs von Michael Jackson – „Man in the Mirror“. Also schnapp’ dir doch einen Kopfhörer (oder gute Boxen), höre dir den Song an (z.B. hier auf spotify) und wir schauen mal, was wir dabei so alles entdecken können!

Der Song wurde 1987 auf seinem 3. Soloalbum „BAD“ veröffentlicht und ging als 4. Singleauskopplung des Albums Anfang 1988 auf Platz 1 der US-Billboard-Charts. Aus heutiger Sicht ungewöhnlich dabei ist schon mal die Songlänge von 5:19 min. Heute sollen Charthits 3:30 min nicht überschreiten – die Aufmerksamkeitsspanne des Publikums scheint also vor 30 Jahren noch größer gewesen zu sein :). Geschrieben wurde „Man in the Mirror“ nicht von Jackson selbst, sondern von Siedah Garrett und Glen Ballard. Siedah fungierte damals übrigens auch als Duett- und Backgroundsängerin von Michael. Produziert wurde die Nummer wie die beiden vorherigen Alben „Off the Wall“ und „Thriller“ vom genialen Quincy Jones.

 

„Man in the Mirror“ ist in G-Dur und startet klassisch im Vers – PreChorus – Chorus – Prinzip, geht aber nach dem 2. Chorus statt der obligatorischen Bridge anders weiter:

Vers 1 (doppelter Vers) – PreChorus – Chorus – Vers 2 – PreChorus – Chorus (doppelt) – verlängerter Chorus (+ Gospelchor) mit plötzlichem Tonartwechsel nach Ab-Dur bei 2:54 min.

 

Interessanterweise nicht durch eine Modulation, also einen Tonartwechsel, der angekündigt und mit Zwischenakkorden eingeleitet wird, sondern durch eine Rückung, also den unvermittelten Start der neuen Tonart. Schön dabei der Break auf die Zählzeit „3und“ („make that“) und der Neueinstieg in Ab-Dur auf „change“. Das ist ein tolles Beispiel, wie Musik den Text unterstützen kann. Die vorrangige Botschaft des Songs ist ja, im Angesicht der ganzen Nöte der Welt einen Unterschied zu machen und dabei bei einem selbst, also dem „Man in the Mirror“, zu beginnen. Mit dem Break und der Rückung bekommt das Wort „change“ eine besondere Betonung – als Appell an den Hörer sozusagen! Dieser wird danach durch den mehrfach wiederholten Chorus und der fortlaufenden Phrase „Make that change“ unterstrichen, unterstützt von einem ermutigenden Gospelchor. Dazu später noch eine private Anekdote.

Nach diesem Höhepunkt könnte der Song eigentlich bei um 3:54 min herum enden, aber Michael nimmt einen neuen Anlauf, nach 8 Takten kommt wieder der Backbeat dazu (Schlagzeugbetonung auf Schlag 2 & 4) und er appelliert weiter an sich und uns, doch einen Unterschied zu machen.

Ich glaube, als Musiker ist man leicht in Gefahr, sich beim Musikhören vorzugsweise auf das eigene Instrument zu konzentrieren und den Text erstmal außer Acht zu lassen. Mir ging es zumindest schon häufig so. Aber wenn du einen Song wirklich verstehen willst, ist der Text als Transportmittel der Botschaft unerlässlich! Also google ruhig mal nach Songlyrics oder lese im CD-Booklet mit.

 

Lass uns aber jetzt nach diesem Gesamtüberblick mal mehr ins Detail gehen und checken, was die einzelnen Instrumente so machen:

Die Nummer beginnt mit einer eingängigen Melodie mit einem 80er-Glockensound, der mit einem Viertel-Delay versehen ist (also ein Echo-Effekt, der genau zum Songtempo passend einen Viertelschlag später kommt). Hör mal bei 0:05, wie die Töne g und d doppelt nachklingen. Das ist nicht gespielt, sondern kommt durch das Delay. Dadurch klingt der Sound, der am Anfang ganz alleine steht, räumlicher und tiefer. Für mich ist der Songbeginn so ein „Trademark-Lick“: Ich habe es zigmal erlebt, dass ich „Man in the Mirror“ auf einer Party am Keyboard mit diesem Sound zu spielen beginne und gefühlt jeder im Publikum in diesem Moment weiß, was jetzt kommt. Also die Verbindung von dieser Melodie mit diesem Sound scheint unverkennbar zu sein!

Zu der Melodie dazu kommen nur ein paar Ad-libs (mhhs, aahs, oohs) von Michael sowie Schnipser und ein Shaker. Unterm Kopfhörer kannst du auch gut hören, wie der Shaker bei 0:06 mal von links, von rechts und wieder von links kommt. Kleine unscheinbare Details, die aber das sogenannte Salz in der Suppe sind!

Die Glockenmelodie bleibt und Michael singt den 1. Teil des Verses dazu. Ab dem 2. Teil (0:29 min) kommen weitere Keyboardsounds hinzu (80er E-Piano + Flächensound), die die Grundmelodie unterstützen und weiterführen. Diese wird aber weiterhin als eine Art Antwort gespielt (ab 0:33 min).

Jetzt steigt auch das Schlagzeug mit ein, allerdings nur mit sehr wenigen Elementen:

  • eine Kick (also die tiefe große Trommel, die mit dem Fuß gespielt wird) auf 1 & 2und.
  • ein Sidestick auf die 4 (beim Sidestick wird nur der Rand der Snaretrommel angeschlagen – klingt also höher und leichter).

Danach folgt ab 0:49 min der PreChorus, also der Zwischenteil, der auf den eigentlichen Chorus hinleitet. Die Keyboards springen zum 1. Mal tiefer – der ganze Sound des Songs wird dadurch fülliger und baut sich langsam auf. Dabei spielt Greg Phillinganes (einer DER Top-Keyboarder der letzten 40 Jahre und langjähriger Begleiter und Musical Director von Michael) tiefe Achtel-Arpeggios auf 1, 1und & 2 in der linken Hand und dann kommt der ganze Akkord rechts dazu.

Ein guter Trick zum Abschauen für uns: warum nicht mal einen Song eher leicht und luftig in den höheren Oktaven beginnen und erst nach einiger Zeit nach unten wechseln?!

Dazu kommt eine hohe Streicherlinie, die langsam Ton für Ton nach oben schreitet. Hör mal ganz genau hin; sie ist relativ leise und eher auf der linken Seite zu hören (wenn du deine Kopfhörer richtig herum aufgesetzt hast :)). Langsam verdichtet sich das Arrangement auch soweit, dass man gar nicht mehr im Detail sagen kann, welcher Keyboardsound was genau spielt. Ich vermute auch im PreChorus bereits eine effektbeladene Gitarre zu hören, die sich elegant mit den ganzen Keyboardsounds vermischt. Die Gitarre als solches hörst du dann spätestens ab 3:55 min mit ihren typischen Singlenotes (also einzelne, oft gleiche Noten nacheinander).

Zurück zum PreChorus: Ist dir aufgefallen, dass wir bis jetzt noch keinen Bass gehört haben? Der startet nämlich erst ab 1:06 min mit einem Auftakt zum Chorus hin. Also bis hierhin schon mal ein wunderschönes Beispiel für einen Songaufbau, bei dem Schritt für Schritt weitere Instrumente hinzukommen, um den Song langsam zu steigern und der Synth-Bass (also kein E-Bass-Sound einer Bassgitarre, sondern ein mit einem Synthesizer erzeugter Basssound) erst im Chorus dazukommt, wenn es zum 1.Mal „fett“ klingen soll! Eine weitere Steigerung passiert beim Interlude nach dem 1.Chorus (1:27 min), wenn das Schlagzeug vom leichten Sidestick auf die Snare wechselt und einen harten Backbeat (siehe oben) spielt. Der geht ab dann erstmal durch.

Auch die Rhythmik im Chorus ist interessant – achte dabei mal auf die Keyboards: Die Akkorde kommen auf die Zählzeiten 1, 3 & 4und (Synkope) und im 2. Takt auf 3 & 4. Diese zwei Takte sind dann gleich minimal verändert: Wir haben eine weitere Synkope (also eine vorgezogene Note) auf der 2und. Das 3. Mal ist dann wieder wie das 1. Mal.

 

Die Akkorde dabei:

||: G   G/B   | C   C/D     :||

| G   G7/B   | C   A7/C#   |

| Dm7/4      |                     |

Die Harmonik ist also auch nicht ganz gewöhnlich à la 4-Chordsong, sondern die Standardkadenz in G-Dur wird mit A7/C# und Dm eindeutig verlassen. Das zieht sich übrigens durch viele Songs der 80er Jahre: Ein harmonisch durchaus anspruchsvolles Songwriting.

 

Zum Heraushören der einzelnen Instrumente kannst du gleich mal folgende Übung machen: Du startest den Song von vorne und probierst dich ausschließlich auf ein Instrument zu konzentrieren.

Also beispielsweise der Glockensound: Am Anfang natürlich völlig gut hörbar, weil er fast allein steht. Dann im 2.Teil des Verses kommt er nur als Antwort. Im PreChorus und Chorus ist er nicht zu hören, beginnt aber wieder ab 1:33 min mit dem Antwort-Motiv vom Beginn. Dieses kommt auch wieder beim 2.Vers usw.

Oder die Streicher ab 0:49 min, die mit einem hohen g einfaden (Tipp: ab 0:50 min sind sie leichter zu hören!). Deren Melodie geht wie gesagt schrittweise immer höher. Der letzte hohe Ton g (jetzt eine Oktave höher als zu Beginn der Melodie) bleibt dann erstmal im Chorus liegen. Dann scheinen sie verschwunden, aber ab 1:21 min kannst du wieder einen Tonwechsel (a und d) hören. Sehr subtil, aber doch hörbar. Wenn du es nicht auf Anhieb wahrnimmst, höre dir die Stellen einige Male an und probiere auch mal, die Töne am Klavier mitzuspielen. Das kann dir bei der präziseren Wahrnehmung helfen.

Oder achte nur mal auf den Synth-Bass ab dem Chorus: Er spielt total geile und ausgefuchste Gegenmelodien – also höre dir doch den ganzen Song nur mal unter dem Gesichtspunkt „Bass“ an!

Ein akustisches Piano kommt übrigens auch noch dazu: Direkt bei dem Tonartwechsel ab Ab-Dur bei 2:54 min spielt Greg volle Oktav-Akkorde (also Ab-Dur z.B. als as c es as) rhythmisch interessant dazu. Achte z.B. mal auf die 16tel-Synkope bei 2:59 min oder seine Auffüller bei 3:02 min. Also ein weiteres Steigerungselement zusätzlich zur Rückung und dem Gospelchor.

 

Zum Gospelchor wollte ich ja noch wie anfangs erwähnt eine private Anekdote erzählen: Es handelt sich bei der Aufnahme um die Andraé Crouch-Singers. Andraé Crouch zählte zu den Urvätern des modernen Gospels und wurde von vielen bekannten Popacts immer wieder gebucht, wenn es um authentisches Gospelfeeling ging. Während meiner Zeit in Los Angeles 2010 hatte ich das Privileg, Andraé persönlich kennenzulernen und mit ihm öfters Musik zu machen. Selten habe ich einen so demütigen und liebevollen Musiker kennengelernt, der trotz seines Erfolgs (9 Grammys, Stern am „Walk of Fame“ in Hollywood etc.) völlig auf dem Teppich geblieben ist, nur auf Nachfrage von sich erzählt und vor allem daran interessiert war, was sein Gegenüber musikalisch so treibt. Jedenfalls hat Andraé bei „Man in the Mirror“ die Vocals arrangiert und mit seinem Chor eingesungen. Als ich 2010 mal wieder abends bei ihm war, meinte er, er müsse noch ein Chorarrangement machen und ich solle das Ganze aufnehmen. Man muss dazu wissen, dass Andraé keine (!) Noten lesen kann, sondern alles intuitiv und nach Gehör macht. Also habe ich in seinem kleinen Homestudio nacheinander die einzelnen Chorstimmen am Computer aufgenommen, die eine Sängerin seines Chores auf sein Vormachen hin eingesungen hat. Es war also ein völlig natürliches Ausprobieren, Anhören, eine 2. Stimme dazu probieren, diese wieder verwerfen und eine weitere ausprobieren etc. Also genau die Art von Ausprobieren, die ich in meinen Videos immer wieder predige ;).

Am Schluss hatten wir dann zu dem Demo sein mehrstimmiges Chorarrangement. Das haben wir dann auf CD gebrannt und als er mich ein paar Tage später zur Studiosession in ein großes Tonstudio in LA mitgenommen hat, hat er einfach einen tragbaren CD-Player aufgestellt, seinem Chor (der so aus 10-12 Personen bestand) gesagt, jeder solle sich mal seine Stimme anhören und anschließend haben die stimmgewaltigen schwarzen Sängerinnen und Sänger das Ganze im Kreis stehend um zwei Mikrofone eingesungen. Ich weiß noch zu gut, wie ich mit Gänsehaut in der Regie saß und mir damit nur zu gut bildhaft vorstellen konnte, wie das wohl damals bei der Michael Jackson-Session abgelaufen sein muss! Für mich war es ein ganz besonderer Moment, miterleben zu dürfen, wie die ganz Großen arbeiten.

 

Jetzt könnte man noch viel weiter in Details des Songs gehen, aber ich denke du hast eine Ahnung davon bekommen, was es bei genauem Hinhören so alles zu lernen und zu entdecken gibt! Also wenn dir „Man in the Mirror“ genauso gut gefällt wie mir, hoffe ich, du hast viel Spaß dabei, den Song zu untersuchen, seine verschiedenen Parts mal ganz genau zu beachten und zu verstehen, was genau da eigentlich so vor sich geht.

Und dann höre dir den Song auch wiederum als Ganzes an, oder schau dir mal das Musikvideo dazu an. Dieses unterstreicht mit seinen zusammengeschnittenen Clips von verschiedensten Katastrophen, Staatsoberhäuptern und Friedensbringern einmal mehr die Message des Songs. Michael ist dabei untypischerweise quasi nie zu sehen, mit einer kleinen Ausnahme ab 4:40 min, wo er rot gekleidet in mitten von Kindern steht.

 

Und abgesehen von allen interessanten Sounds, Akkorden und Synkopen ist der Aufruf des Songs in einer von Krisen, Krieg und Armut geschüttelten Welt heute aktueller denn je: „If you wanna make the world a better place, take a look at yourself and then make a change!“.