Songanalyse: Ed Sheeran – Perfect

Es ist mal wieder Zeit für eine Songanalyse. Diesmal ein Song eines außergewöhnlichen Künstlers, der derzeit weltweit die höchsten Chartpositionen erreicht: „Perfect“ von Ed Sheeran aus seinem letztjährigen 3. Soloalbum „Divide“. Laut eigener Aussage wollte er damit seinen bisherigen Top-Lovesong „Thinking out loud“ übertrumpfen. Ob ihm das gelungen ist, bleibt letztlich wohl immer persönliche Geschmacksache.

„Perfect“ ist in As-Dur geschrieben – einer sehr „warm“ klingenden Tonart. Jede Tonart hat nämlich eine gewisse Charakteristik und so würde der Song in C-Dur wohl weitaus weniger interessant klingen!

Dazu gleich ein Praxisbezug für dich: Probiere mal aus, einen dir bekannten Song in einer anderen Tonart zu spielen, und achte darauf, wie es sich anfühlt. Wenn du noch nicht so geübt im Transponieren bist, kannst du auch mit der Transpose-Taste eines Digitalpianos „schummeln“. Ich habe jedenfalls immer wieder bei transponierten Versionen von Songs das Gefühl, dass es irgendwie anders klingt und nicht mehr unbedingt das Originalgefühl des Songs trifft.

 

Schnapp´ dir am besten einen guten Kopfhörer, höre dir den Song einmal komplett an (z.B. auf Youtube, Spotify Player oder Spotify Web) und gehe dann mit mir auf Entdeckungsreise, spule fleißig hin und her und achte auf all die spannenden Details.

Aber erst noch mal zurück zum Gesamtüberblick: „Perfect“ steht im 12/8-Takt und besteht aus folgender Songstruktur: Vers 1 – Chorus – Interlude – Vers 2 – Chorus – Interlude – Chorus – Outro. Das Intro besteht lediglich aus einem eintaktig ausgehaltenen Ab-Powerchord mit angezerrtem Hammond B3-Orgelsound und leichtem Schallplattenknistern für den analogen Vibe. Powerchord bedeutet, dass lediglich Grundton und Quinte (also as & es) gespielt werden und auf die Terz, die ja über Dur / Moll eines Akkordes entscheidet, verzichtet wird.

1. Detail: Dieser Orgelsound, der am Anfang und im 1. Vers so gut zu hören ist, zieht sich durch den ganzen Song. Er fehlt lediglich in den Breaks, in denen sämtliche Instrumente kurz „atmen“. Außerdem ist er immer in der gleichen engen Lage und hat je nach Akkordwechsel nur minimale Tonveränderungen. Die Orgel fungiert also wie eine Art „Kleber“, die im Hintergrund alle anderen Instrumente im Arrangement zusammenhält und sich leise und zurückhaltend hindurchzieht. Spätestens im Chorus ab 1:04 ist sie durch den Einsatz der Streicher zwar schwerer zu hören, aber nach wie vor vorhanden.

Mach mal das Experiment und höre dir die ganze Nummer nur unter diesem einen Gesichtspunkt an: Kannst du der Orgel immer folgen? Das wird dein Gehör für selektives Hören schulen!

 

Schauen wir uns jetzt mal den Aufbau des restlichen Arrangements an: Die von Ed gespielte E-Gitarre spielt sämtliche 12 Achtel des Taktes aus und trägt damit von Beginn an den Rhythmus. Achte mal auf seine Phrasierung: Er betont immer die Erste von 3 Achteln. Den gesamten Akkordverlauf kannst du hier auf dem Leadsheet nachverfolgen.

Nach den ersten 8 Takten des Verses kommt im 2. Teil (ab 0:33) der Bass mit überwiegend lang gespielten Noten dazu. Diese wechseln sich häufig auf der 6. bzw. 12. Achtel mit einer oder auch mal mehreren kurzen Noten ab – eine typische 12/8-Begleitfigur. Außerdem wird der Backbeat ab jetzt durch ein dumpf klingendes Drumsample unterstützt. Backbeat bedeutet ja die Betonung auf die Zählzeiten 2 & 4 im 4/4-Takt; im 12/8-Takt wären das die 4. sowie die 10. Achtel. Hörst du übrigens noch das Plattenknistern?

Nach dem 2. Break beginnt der Chorus und es ist immer noch kein Schlagzeug zu hören – ungewöhnlich. Dafür setzen als Steigerung jetzt Streicher und Background-Vocals ein und geben dem Track damit die gewisse Portion Weite. Interessant dabei die abwechselnden Funktionen der beiden Elemente: Im 1. Teil des Choruses erklingen lange gehaltene Liegetöne (die eben beschriebene Weite) sowie „Uh“-Chöre, die sich langsam in Höhe und Intensität steigern. Ab 1:27 „breath, but you heard it…“ singen die Background-Vocals mehrstimmig den Text mit und das Orchester zupft die Akkorde. Achte hier mal genau darauf, wie sie diese spielen: Auf die 1 kommt der gezupfte Basston, auf die 4. Achtel (Backbeat) der ein bisschen höher gespielte Akkord. Das gleiche Prinzip wiederholt sich dann noch 2x, bis Ed auf „perfect tonight“ den Chorus alleine abrundet. Diese kleinen Details sind es, die Songs über die gesamte Spieldauer für den Zuhörer interessant halten – ob bewusst oder unbewusst!

Wenn wir schon bei den Feinheiten und Veränderungen sind: Höre mal auf die verschiedenen Breaks in den Versen. So kommen im 1. Vers noch 2 Breaks vor (8. bzw. 16 Takt) – in Vers 2 nur noch einer im letzten Takt. Außerdem spielt Ed beim 1. Mal (1:01) auf der Gitarre Es Es sus4 Es – beim 2. Mal (2:39) Es sus4 Es Es. Kleine, aber nicht unwichtige Details.

Auch spannend: das Orchester bei 2:11. Da kommt auf einmal ganz kurz ein doch recht dissonant klingender Akkord auf, der sich aber sofort wieder in Wohlgefallen auflöst. Beim 1. Hören habe ich  kurz zurückgespult und mich gefragt, ob sich hier irgendwer verspielt hat ;) – so unerwartet kam dieser Akkord. Also auch wieder ein Element zur Spannungssteigerung!

 

Überhaupt finde ich es sehr interessant nur mal dem Streicherarrangement zu folgen: Zu Beginn (1:01) wie oben schon erwähnt lang gehaltene Noten und die danach kurze Pizzicatostelle (pizzicato = gezupft). Dann das Interlude, bei dem das Orchester die Melodie übernimmt. Ab Vers 2 kommen schöne Gegenmelodien dazu, die die Vocals ergänzen, ihnen aber nie im Weg stehen. Diese steigern sich über den Verlauf des Verses hin und wandern langsam in immer höhere Lagen. Insgesamt bringen die Streicher die nötige Portion Romantik in den Song, ohne aber in klischeebehafteten Kitsch abzudriften.

Für uns als Pianisten müssen wir natürlich endlich mal zur spannenden Frage kommen, welche Aufgabe denn das Klavier in „Perfect“ übernimmt. Erstmal gar keine – zumindest für die ersten 2 Minuten. Dann ab 2:12 (2. Teil von Vers 2) kannst du hoch gespielte Akkorde als kurze Achtel wahrnehmen. Allerdings musst du genau hinhören, da das Arrangement an dieser Stelle bereits recht dicht ist und das Piano dadurch nicht so sehr auffällt. Dann wirst du auch merken, dass der Pianist nicht alle 12 Achtel des Taktes ausspielt, sondern immer wieder mal die 1. bzw. die 7. Achtel auslässt.

Als Keyboarder könntest du also das Stück wunderbar umsetzen, indem deine linke Hand die durchgehend gehaltenen Orgeltöne spielt und die rechte dann die Akkordachtel mit Klaviersound übernimmt. Dazu kannst du dir entweder deine Tastatur splitten, so dass du unten Orgel und oben Klavier hast, oder du nutzt (wie viele Bandkeyboarder) sowieso mehrere Tastaturen, auf denen du bequem die verschiedenen Sounds aufteilst. Das ist übrigens eine Standardaufgabe des Keyboarders: Welche Sounds kommen im Song vor und wie kann ich sie mir aufs Keyboard bzw. meine Hände verteilen? Damit kommt man bisweilen auch auf herausfordernde Unabhängigkeitsübungen, wenn z.B. die linke Hand auf einmal einen speziellen Piano-Groove spielen muss und die rechte Hand für Bläsereinwürfe zuständig ist. Aber an Herausforderungen wächst man ja bekanntlich ;).

 

Zurück zu „Perfect“: Die Drums kommen schließlich in Vers 2 (ab 1:42) mit einer minimalistischen Begleitung hinzu, die ab dem 2. Teil des Verses (2:12) zu einem vollen Beat erweitert wird und als solche den restlichen Song hindurch läuft.

Und hast du zwischenzeitlich mal wieder auf die E-Gitarre gehört? Die hatte ja zu Beginn noch das tragende rhythmische Gerüst mit durchgehenden Achtelakkorden inne, welches sie aber ab 2:12 an das Piano abgibt. Ab dann lässt sie sich erstmal nur erahnen. Spielt sie Akkorde auf den Backbeat? Ich kann es nicht genau sagen. Aber ab dem 2. Chorus (2:43) ist sie auf jeden Fall klar und deutlich auf die Achtel-Zählzeiten 4 und 10 zu hören.

Wie mit der berühmten Zwiebel könnte man jetzt noch Schicht für Schicht weiter schälen und immer noch weitere interessante Details finden. Mir ging es zumindest beim Schreiben dieses Blogs so, dass mir bei jedem erneuten Hören weitere raffinierte Kleinigkeiten aufgefallen sind. Ein letztes Beispiel dafür: Der kurze Einsatz einer gezupften Akustikgitarre im Interlude bei 1:35. Sie taucht kurz als Element auf und verschwindet ebenso schnell wieder.

 

Welche spannenden Sachen fallen dir noch auf?

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Und so bleibt letztlich Ed Sheeran nur zu wünschen, dass er mit der in dem Song Angebeteten tatsächlich sein privates Glück findet, wenn er für sie schon so ein spannend arrangiertes Stück komponiert hat.

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