Klavier üben: Wie lange ist es sinnvoll?
Die wohl am häufigsten gestellte Frage von Neueinsteigern und Fortgeschrittenen am Klavier: „Wie lange sollte ich Klavier üben?“ Gerade Berufstätige fragen sich, ob sie überhaupt das Klavierspielen lernen können, wenn sie täglich nur wenige Minuten oder höchstens eine halbe Stunde entbehren können, um zu üben.
Die gute Nachricht ist: Selbst, wenn du nur wenig Zeit hast, lohnt es sich zu üben. Um dabei gute Fortschritte zu machen, solltest du diese Tipps beherzigen:
- Übe lieber täglich wenige Minuten als einmal pro Woche gleich zwei Stunden am Stück. Gemäß dem Motto „Steter Tropfen höhlt den Stein“ erreichst du deine Ziele mit beständigem Üben schneller.
- Wenn du Klavier übst, solltest du mehrere kurze Einheiten auf den Tag verteilen als eine längere Klavierstunde. Besser sind zum Beispiel zweimal 15 Minuten anstatt einmal 30 Minuten, da du durch den zeitlichen Abstand einen besseren Wiederholungsfaktor hast.
- Übst du täglich 15 bis 30 Minuten konzentriert, wirst du schnell Fortschritte machen.
Schon gewusst? Zu viel Ehrgeiz schadet deinem Klavierspiel möglicherweise. Die Rede ist vom sogenannten „Penelope-Effekt“. Übst du verbissen täglich mehrere Stunden lang, machst du zwar zunächst große Fortschritte. Relativ schnell verkehrt sich der Vorteil jedoch ins Gegenteil und deine Leistung stagniert oder nimmt sogar ab. Übertreibe es deshalb besser nicht, sondern finde das für dich richtige, vernünftige Maß.
Klavier üben: Tipps, um sich einem neuen Stück zu nähern
Auf den ersten Blick scheint das neue Stück überwältigend komplex zu sein? Dann nimm dir Zeit und gehe Schritt für Schritt vor. Die folgenden Strategien helfen dir beim Klavierüben, damit du zügig Fortschritte machst:
#1 Ein Schritt nach dem anderen.
Übst du ein klassisches Stück, solltest du am Anfang beide Hände einzeln üben. Nimm dir kleine Teile des Stückes vor und spiele die einzelnen Passagen erst einmal langsam, bis du sicher in den Abfolgen bist. Das Üben beim freien Spiel unterscheidet sich hiervon: Schau dir die Akkorde an und übe auch sie Schritt für Schritt. Dabei kannst du gleich die passenden Umkehrungen üben. Auch hier solltest du mit einem leichten Rhythmus starten, den du dann nach und nach erweiterst.
- Schritt: Notentext und Strukturen der Melodie lesen und erfassen
- Schritt: Gewöhne dir von Anfang an den richtigen Fingersatz an
- Schritt: den Rhythmus üben, ohne auf Geschwindigkeit zu achten
- Schritt: an den Feinheiten wie Dynamik, Phrasierung, Artikulation oder Tempo arbeiten
#2 Erst lernen, dann umsetzen.
Klavierspielen hat erstaunlich viel mit Theorie zu tun. Wenn du ein neues Stück angehst, solltest du nicht gleich wild drauflos spielen, sondern gleichzeitig verstehen und nachvollziehen, was du spielst und warum. Im Grunde kannst du es die ähnlich vorstellen, wie wenn du ein Gedicht auswendig lernst: verstehst du den Inhalt und erkennst den roten Faden, ist alles viel logischer und du lernst einfacher und schneller.
#3 Übe langsam. Aber nicht zu lange.
Ist dir der Rhythmus in der richtigen Geschwindigkeit noch zu schwierig? Dann übe ihn deutlich langsamer –so lange, bis du ihn wirklich verstanden hast. Erst dann solltest du das Tempo allmählich steigern.
#4 Übe die linke und rechte Hand getrennt.
Ehe du ein Stück komplett spielst, solltest du beide Hände einzeln üben. Erst wenn beides gut klappt, kannst du die zwei „Spuren“ zusammenlegen und zu dem gesamten Stück kombinieren. Du wirst sehen: So funktioniert der Einstieg in das neue Stück deutlich reibungsloser.
Tipp: Dieselbe Strategie funktioniert übrigens auch, wenn du an einer bestimmten Stelle häufig hängen bleibst.
#5 Erst weitergehen, wenn der vorherige Schritt sitzt.
Zerlege dein Stück in viele kleine Einheiten, die du einzeln und für sich übst. Erst wenn du eine Einheit wirklich beherrschst, solltest du zur nächsten übergehen. So stellst du sicher, dass sich keine kleineren Fehler und Unsauberkeiten einschleichen.
Wiederholen, wiederholen, wiederholen: Klavier üben mit Strategie
Ohne Wiederholung geht beim Klavierüben überhaupt nichts. Bis ein komplexes Stück wirklich sitzt, können mitunter mehrere Hundert Wiederholungen notwendig sein. Das hört sich im ersten Moment sehr viel an – doch aufgeteilt in kleine Häppchen jeden Tag lässt sich das gut bewältigen. Aber so seltsam es klingen mag: Auch beim Wiederholen kann man einiges falsch machen. Beachte deshalb diese Tipps:
#6 Je öfter, desto besser. Nicht!
Viel hilft viel? Beim Klavierspielen gilt dies nicht uneingeschränkt. Natürlich ist es immer gut, wenn du viel übst. Aber: Es kommt weniger auf die Anzahl der Wiederholungen an, als vielmehr auf deine Konzentration. Sobald deine Aufmerksamkeit nachlässt, solltest du eine Pause einlegen.
Der Grund dafür ist einfach: Wenn du dich nicht mehr konzentrierst, kommen die Feinheiten des Spiels zu kurz. Du spielst eher mechanisch, wodurch du nur noch eingeschränkt wahrnimmst, wenn du dich verspielst oder sich Ungenauigkeiten (z.B. falsche Pedaltechnik, Phrasierungsfehler) einschleichen. Diese Fehler musst du dann beim nächsten Mal mühselig ausgleichen.
#7 Klavier üben – aber bitte mit Abwechslung.
Zehnmal nacheinander dasselbe zu spielen, ist einfach nur langweilig, und die Aufmerksamkeit lässt nach. Während sich Kinder mit dieser eher stupiden Art der Wiederholung noch leichter tun, fällt es Erwachsenen erfahrungsgemäß ungleich schwerer.
Wiederholungen sind wichtig. Aber dies bedeutet noch lange nicht, dass du immer wieder exakt dasselbe spielen musst. Der große Vorteil beim freien Spiel ist, dass jede Version ein wenig anders sein kann und darf. Nicht, wie bei einem klassischen Stück, bei dem jeder Ton exakt feststeht und sitzen muss. Beim Üben kannst du die Details so immer wieder variieren:
- Rhythmusveränderungen
- Akkordumkehrungen
- Zwischentöne
- Taktauffüller
Der Vorteil: Du übst weiterhin dein Stück, bleibst aber aufgrund der Abwechslung aufmerksam und bist mit vollem Einsatz dabei.
#8 Keine Fehler wiederholen.
So wie das richtige Spiel kannst du Fehler durch Wiederholungen verinnerlichen. Nimm auch kleine Fehler zur Kenntnis und arbeite daran. Haben sie sich erst einmal eingeschlichen, wird es umso schwieriger, sie wieder loszuwerden.
